TEXTE UND ZUHÖREN
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CANTA RO´ IN TRIO
«Canta Ro´ in Trio»
Sebastiano Scollo
Die orchestrale Bearbeitung der Lieder der großen Rosa (Etta Scollo und das Orchestra Sinfonica Siciliana unter der Leitung von M° Angelo Faia - Canta Ro', Hommage an Rosa Balistreri.- CD+DVD; 2005 Premium/Audioglobe) war bewußt eine extreme Aktion, mit der Etta vor allem ihre sich selbst gestellte Frage beantworten wollte - wie würde diese Musik klingen, wenn ein Sinfonieorchester sie spielen würde? Natürlich musste es auf diese Frage unendlich viele Antworten geben - doch alle sollten die gleiche Zielsetzung haben: den Geist von Rosa Balistreri zu transportieren, dieser "Persönlichkeit, die auf einem Baumwollfaden läuft", wie es Ignazio Buttita beschrieben hat, auf einem neuen und sicherlich für sie ungewöhnlichen Gebiet, das als "eine dreispurige Autobahn" passend bezeichnet wurde (Marco Boccitto, "Alias" 19-2005, von ihm stammt auch das Zitat von Buttita), doch das derselben Liedermacherin gefallen hätte, wie diejenigen, die sie kannten, wissen.
Nach der bereichernden Erfahrung des ersten Albums verläßt Etta mit dieser zweiten CD in Trioformation die Autobahn an der ersten Ausfahrt und genießt statt dessen die Reise auf einer Landstraße, einem Feldweg. Und wiederum ist ihr bewußt, dass sie ihre eigenen Spuren hinterlassen wird, zwei Wege überlagern sich niemals genau, sie geht diese Straße aufs neue im Gedenken an Rosa - doch es ist ihr eigener Gang, und damit genug.
Dieses neue Album präsentiert aufs neue live-Aufnahmen, und wenn die Formation sich dieses mal im Wesentlichen auf ein Trio beschränkt, so umfaßt die Instrumentation doch, dank der Fähigkeiten der beteiligten Musiker, eine kaleidoskopartige Vielfalt an Klängen: zu der Grundbesetzung Gitarre (allerdings "romantische"), Akkordeon und Mandoline fügen sich Flöte, Klarinette, Trompete, Posaune und Tuba, Percussionsinstrumente von unterschiedlicher Herkunft, Harfe, Laute, Fiedel, Harmonium, Maultrommeln, singende Säge - eine Unmenge an klingenden Geräten, deren Transport allein im Lauf der Tour, der diese CD entstammt, das Reisen vom organisativen Aufwand her dem eines Orchesters vergleichbar gemacht hat.
Wir hoffen, dass das Resultat dieser Mühe in der Aufnahme ebenso klar hervorkommt wie schon bei den Konzerten selbst, wir wollen hier nur noch eine Klarstellung hinzufügen: Der Begriff "Arrangement" in der Musik kommt ursprünglich aus der Beherrschung aller möglichen Arten der Kunst des "sich arrangieren, sich zurechtfinden" - in diesem Sinne ist jeder Musiker ein Arrangeur seiner selbst, auch ein Sinfonieorchester fällt unter dieses Prinzip. So ist es die Gelegenheit, das Instrument "Orchester" (das, zur Erinnerung, aus Menschen besteht, die bereit sind, an einem Projekt mitzuarbeiten) zur Verfügung zu haben, die es einem erlaubt, es zu benutzen - nicht umgekehrt. Nachdem sie nun also die "Orchesterprüfung" überstanden (doch noch nicht beendet!) hat, nutzte Etta bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit, auf ihren gewohnten Weg zurückzukehren, indem sie die Hommage an Rosa zu einer Gruppe von hochqualifizierten Musikern brachte. Musiker, die sie nicht in aller Welt zusammen suchen musste, da diese schon seit Jahren mit ihr ihre künstlerischen, musikalischen und diskographischen Aktivitäten teilen. Es war also ausgesprochen einfach, oder sagen wir selbstverständlich, oder sagen wir auch unvermeidlich, sie auch an diesem Abenteuer zu beteiligen, bei dem sie bisher zumindest teilweise nicht dabei waren, mit ihnen und für sie diese Stücke, die Etta sich durch die vorherige Erfahrung auf so intensive Weise zu eigen gemacht hatte, neu zu überdenken.
Am Ende ist das menschliche Element das entscheidende, und der Umstand, einen Bruder zu haben, der Laute spielt, kann einen auf den Gedanken "aber das könnte doch gut passen!" bringen. So wird das mögliche Arrangement auch zur Gelegenheit, einer familiären Beziehung einen neuen Sinn zu geben - den Zusammenfluß zweier Ströme, stets gesucht, doch schwer zu verwirklichen, als sie auf parallelen und entfernten Wegen flossen: als Du Billy Holidays Blues in Wien gesungen hast und er in Catania auf den Spuren von Francesco da Milano war.
Es ist wie eine "Verunreinigung durch das menschliche Element" - also die Entscheidung, dem Menschlichen einen musikalischen Sinn zu geben und einen menschlichen Sinn der musikalischen Erfahrung, anstelle der abstrakten und erzwungenen Durchführung von Stilen, Formen und Aufführungspraktiken. Es ist das Leben, das in die Musik einfließt, das Leben von Rosa, das von Etta, das von uns allen.