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Leben. Für das Jetzt. Für den Augenblick. Ihn
festhalten und vor dem
schnellen Vergessen bewahren. Es sind die kleinen Momente, in denen das
Leben
sich verbirgt, alltägliche Winzigkeiten, in denen es seine Seele
offenbart.
Seine Melodie. "Diese Momente sind es", sagt Etta Scollo, "die
ich mit meinen
Liedern festhalten will. Ich möchte sie aus der Zeit heraus lösen
und ihnen
ein wenig Ewigkeit schenken, ehe sie wieder verflogen sind."
Mit dem Album "Il bianco del tempo" ist ihr dieser Versuch gelungen.
Scollos Lieder erzählen Geschichten: Von der Stunde Null, in der
man zu müde
ist, um schlafen zu gehen. Vom älter werden. Von den weißen
Minuten zwischen
Dämmerung und Morgen, in denen die Welt den Atem anzuhalten scheint.
Von
jener merkwürdigen Zwischenzeit, in der etwas zu Ende geht, und etwas
Neues
beginnt: ein neuer Tag, ein neues Leben, eine neue Liebe. "Il Bianco
del
tempo".
Oder vom Warten - auf den Bus oder auf die Zukunft. "Wir alle warten
immer
auf irgendetwas. Etwas großes, das alles verändert und unserer
Existenz einen
höheren Sinn geben könnte. Und über diesem Warten nehmen
wir das Wichtigste
nicht mehr wahr: das Jetzt", sagt Etta Scollo.
Geschichten von der Zeit. Erzählt in lakonischer,
dichter Sprache, die mehr
sagt, als sie ausspricht. Die man nicht wortwörtlich verstehen muss,
um ihr
doch mit dem Gefühl folgen zu können. "Il bianco del tempo"
versammelt zehn
Songs, geschrieben in Etta Scollos Muttersprache Italienisch und von ihr
selbst behutsam arrangiert.
Gut ein Jahr hat der Weg vom ersten Gedanken zu dem jetzt vorliegenden
Album
gedauert. Im vergangenen Sommer wurde die Platte schließlich zusammen
mit den
fünf Musikern, die Etta Scollo seit Jahren auf ihren Konzerten begleiten,
von
BlackPete produziert. Drei Wochen lang lebten und arbeiteten die Sängerin
und
ihr Team gemeinsam in der inspirierenden Atmosphäre einer Villa im
Veneto.
Und man meint, in ihrer Musik die Wärme jener blauen Nächte
noch einmal zu
spüren.
Was die zehn Lieder aber vor allem ausmacht, sind lyrische
Klarheit, Kraft,
Intimität und Ehrlichkeit. Und es ist Etta Scollos charaktervolle
Stimme, die
mal strotzt vor Wucht und mal zerbrechlich zart in der Luft schwebt, die
diese Songs so unverwechselbar macht. So eigen, dass sie sich der Einordnung
in gängige Schubladen verweigern. Wie schon sein Vorgänger "Blu:"
ist "Il
bianco del tempo" weder Pop noch Kammermusik noch sizilianische Volksweise,
weder Jazz noch Blues. Es ist einfach Musik, Etta Scollos Musik.
Künstlerisch betrachtet ist diese neue Platte die Fortsetzung von
"Blu:",
keine Kopie, sondern eine Weiterentwicklung. "Il Bianco del tempo"
ist
kräftiger, klarer und präsenter. Der nachdenkliche Blick einer
klugen Frau,
getan in langen Nächten ohne Schlaf. Ein Blick von schlafwandlerischer
Schönheit. In ihm spiegelt sich unsere Welt wie ein Traumbild aus
Tönen, das
am Morgen verblasst, dessen Spuren aber tief in unsere Gedanken eingegraben
sind.
Und so tragen wir seine Musik noch lange in uns.
Silja Ukena/Marcel Maerz |