| Zu Hause, überall Etta Scollo Die lodernde Kraft und Erdigkeit ihrer Heimat Sizilien verkörpert Etta Scollo wie keine andere, obwohl sie sich seit Jahren bereits im gänzlich antimediterranen Klima von Hamburg bewegt. von TOM FUCHS In einem Kölner Biergarten: Das Wetter hat ein Einsehen mit Etta Scollo. Es wäre auch zu schade, wenn dieser italienische Abend statt unter lauschigen Kastanien im Saale hätte stattfinden müssen. Insofern können die stimmungsvollen Bilder, die die Südländerin in ihren Liedern heraufbeschwört, nicht allein in den Köpfen der Zuhörer entstehen, sondern auch mit atmosphärischer Hilfe von außen rechnen. Einer modernen Salome gleich, begleitet Etta Scollo den vielschichtigen Rhythmus ihrer vorzüglich eingespielten Band mit wiegenden Bewegungen, greift ab und an zu einer voluminösen Handtrommel und ist im gleichen Moment der feurigen Desdemona aus Hugos «Glöckner von Notre Dame» nicht unähnlich. Fazit: Die Sinnlichkeit in Person. Unsagbar schön Von diesem Bild sollte man sich zwar nicht unbedingt verabschieden, hört man das neue Album von Etta Scolla, Casa (Soulfood), doch überwiegen nun ernstere Töne im Repertoire. Und das hat ohne Zweifel mit dem Sujet zu tun, dem sie die ganze Platte gewidmet hat. Wer je italienische Gastfreundschaft genießen oder auch nur einen Blick auf das sonntägliche Treiben in einer Familie werfen durfte, weiß, wie zentral wichtig der Begriff «Casa» für die Italiener ist. Hier spielt sich alles ab, ist Dreh- und Angelpunkt des Miteinanders. Aber Etta Scollo will den Begriff noch weiter gefasst wissen: «Casa bedeutet auch der Wunsch, ja die Begierde, zu einem Zuhause zurückzufinden, das jeder in sich trägt, auch wenn man sich geographisch gesehen ganz weit weg von seinen Ursprüngen bewegt.» Hamburg ist zwar Ettas neue Heimat geworden, doch verläuft ihr Leben weiterhin als ununterbrochene Entdeckungsreise, eine musikalische Wanderung nach immer neuen Möglichkeiten. Doch nie verliert sie sich dabei selbst aus dem Blick. Seit der Kindheit bestimmt Musik ihr Leben, und daran hat sie sich auf ihrem neuen Album orientiert. Ihre Muttersprache verleiht Ettas Gesang die besondere Ausdruckskraft, und zur Dramaturgie süditalienischer Musiktradition eröffnet sie scheinbar unerschöpfliche kreative Weiten. Getragen von den Streicherarrangements, formt Etta Scollo ungemein ausdrucksstarke Songfiguren. Souverän bewegt sie sich im weiten Spektrum zwischen canzoni und Jazz, aus dem heraus sich eine unsagbar schöne Poesie entfaltet, die zu Tränen rühren kann. Lässt sich etwa eine überzeugendere Adaption des Tom-Waits-Songs «I don't wanna grow up» denken? Wohl kaum. erschienen im Oktober 2003, MUSICPRINT ← zurück |