| Ihre Stimme segelt auf einem Meer von Klängen in ferne Länder und Zeiten Sie singt so schön. Am Sonntag stellte Etta Scollo aus Sizilien im Schmidts Tivoli mit einem Konzert die Titel ihrer neuen CD «Casa» vor, die seit gestern auf dem Markt ist. Da ist ihr ein Kunststück gelungen, das ganz natürlich klingt. Etta Scollo singt Lieder. Das ist der Kern, bleibt in jedem Stück die Heimat, manchmal das Geheimnis ihrer Musik. Und mitunter bleiben die Lieder welche, wenn die Sängerin sie ganz schlicht zur Gitarre vorträgt. Meist aber nehmen sie, im Verbund mit der Band (Ferdinand von Seebach, Klavier, Posaune, Albert Viela, Cello, Johannes Huth, Kontrabass, Martin Druzella, Schlagzeug, Frank Wulf, Gitarren), einen individuellen, wundersamen Gang. Dann werden sie zu Popsongs auf Italienisch, die auf Jazz gebaut sind. Mitunter nehmen die neuen Werke, eine musikalische Weggabelung weiter, folkloristische Momente auf, zu letzteren wollen wir der Einfachheit halber auch die kirchenmusikalischen Einflüsse zählen. Dann werden sie sehr eigenwillig. Die voluminöse Stimme der Etta Scollo kann durch die Lagen alles: Rauchig eindringlich klingt sie in der Tiefe, gepresst oder klar, ganz wie es ihr beliebt, in der Mitte, virtuos verspielt in den Verzierungen in der Höh’. Wenn die arabische, erzählende Rhythmik einsetzt, zieht eine Karawane vor dem geistigen Auge der Zuhörer vorbei. Mit den anderen Augen gibt es in Scollo-Konzerten auch viel zu sehen. Die fünf Musiker um sie herum produzieren, ganz sympathisch verträumt, und eher auf den eigenen Beitrag zum Gesamtwerk konzentriert, ein Meer von Klängen, auf dem ihre Stimme in ferne Länder und Zeiten segelt, selbst wenn sie sich im Text gerade poetisch engagiert – gegen den Handel mit menschlichen Organen oder für den Weltfrieden. Ansonsten können wir festhalten: Ein Etta Scollo-Abend ist eine einzige große, gesprochene, gesungene und getanzte Erzählung, in dem die persönliche Erfahrung im Mittelpunkt steht, nach jener der Sizilianerin die der Konzertbesucher. stg erschienen am 23. Sep. 2003 in DIE WELT ← zurück |